„Hauptsache anfangen“
Julian M. mit Ärztin Dr. med. Luise Röhrich (links) und Gina Raatz, MFA mit Sonderausbildung Herzinsuffizienz, stellvertretend für alle, die ihn vom DHZC auf seinem Weg begleitet haben.

Eine schwere Herzinsuffizienz, hohes Gewicht, bevorstehender Einsatz eines „Kunstherzens“, also einer mechanischen Kreislaufunterstützung oder Listung zur Herztransplantation: Das war die Situation unseres Patienten Julian M. vor einigen Jahren.
Sein Leben heute sieht ganz anders aus. Wir erzählen seine Geschichte:
Dem damals 32-jährigen Fleischfachverkäufer geht es vor sieben Jahren gesundheitlich immer schlechter: Er entwickelt starken Husten, der schließlich sogar blutig ist, nimmt innerhalb eines halben Jahres 40 Kilogramm zu und fühlt sich abgeschlagen. Ein Besuch beim Hausarzt bringt leider keine Besserung.
Im Februar 2019 kann Julian M. nicht mehr weitermachen: Direkt nach seiner Schicht im Supermarkt fährt er in die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses. Dort wird er sofort auf die Intensivstation aufgenommen, denn Julian M.s Herzmuskel ist erkrankt, seine Herzkammern extrem vergrößert.
Sein Herz kann mit nur noch 12 Prozent Pumpleistung das Blut nicht mehr ausreichend durch den Körper transportieren. Wegen der Schwere der Erkrankung wird er nach einigen Tagen ins Herzzentrum nach Berlin gebracht.
Eine der wichtigsten Sofortmaßnahmen ist die Entwässerung durch Medikamente, so dass Julian M. wieder stark an Gewicht verliert. Sein Herz ist aber weiterhin stark geschwächt. Das Team des DHZC prüft daher eine Herzersatztherapie – den Einsatz eines „Kunstherzens“ oder die Listung zu einer Transplantation.
Zunächst wird ihm ein Defibrillator implantiert, um den Herzrhythmus zu überwachen und lebensgefährliches Herzrasen oder Kammerflimmern durch Stromstöße zu beenden.
Mit Defibrillator, der Diagnose und ohne Möglichkeit zu arbeiten oder wie früher mit seinen Freunden zu feiern, fehlt Julian M. zunächst jede Perspektive, und er baut schnell wieder Gewicht auf. Zuletzt wiegt er 200 Kilogramm.
Dieses Bild zeigt unseren Patienten nach der Diagnose, bevor er sein Leben umgestellt hat.

„Die Erkrankung war ein richtiger Schock, und es ging mir wirklich schlecht“, erinnert er sich. Der einzige Lichtblick in dieser Zeit ist die Unterstützung seiner Familie und seiner Freundinnen und Freunde, die ihm Mut machen, nicht aufzugeben.
Im Juni 2022 wird schließlich eine Magenverkleinerung vorgenommen, und er beschließt, diese Chance für seine Gesundheit zu nutzen.
Alkohol und Nikotin hat er schon bei Diagnosestellung aufgegeben, nun ist ihm klar, dass er sein Gewicht in den Griff bekommen will: durch bessere Ernährung und durch mehr Bewegung.
„Ich bin einfach erstmal in eine Richtung losgelaufen – und wenn ich gemerkt habe, dass es eng wird, bin ich wieder umgedreht“, erzählt er. „Und dann wurde es mit jedem Tag mehr!“
Julian M. findet Freude an der Bewegung, hört Musik beim Gehen und merkt, wie er seinen Gedanken freien Lauf lassen kann.
Schließlich wird aus dem Spazierengehen ein Laufen. Er kauft sich für zuhause ein Ergometer und steigert auch dort kontinuierlich seine Leistung: „Ich habe mir am Anfang Zeit gelassen. Je weniger Gewicht ich hatte, desto mehr konnte ich auch laufen.“
Gleichzeitig hält er die Kalorien, die er isst, mithilfe einer App im Blick: „Ich habe mir aber außer Alkohol nichts strikt verboten und esse auch mal ein Stück Kuchen. Wichtig ist mir, die Zutaten zu kennen, daher mache ich sonst alles selbst, inzwischen auch mein Brot.“
Anfang diesen Jahres hat sich Julian M. im Fitnessstudio angemeldet, um sein Training mit Krafttraining zu ergänzen. Den 11 Kilometer langen Hin- und Rückweg legt er mit dem Rad zurück.
„Ich höre dabei natürlich immer auf meinen Körper und verausgabe mich nicht völlig“, sagt er. „Aber ich wusste: ‚Du musst dich trotz Krankheit trauen, etwas zu tun.‘“
Mithilfe regelmäßiger Medikamenteneinnahme sind seine Werte inzwischen seit drei Jahren stabil, sein Herz hat sich wieder verkleinert.
„Ich habe von Anfang an nur einen Tag in der Woche pausiert, auch wenn es manchmal hart war“, sagt er. „Besonders schwer war es, durchzuhalten, wenn das Gewicht über längere Zeit stagniert hat oder ich sogar durch die Muskelbildung zugenommen habe.“
Inzwischen ermöglicht ihm auch sein Durchhaltewillen ein erfülltes Leben: Julian M. hält seine Sport- und Ernährungsroutine ein, geht gern mit Freundinnen und Freunden auf Konzerte, arbeitet auf Minijob-Basis als Urlaubsvertretung in einer Postfiliale und hofft, dass seine Berentung bald aufgehoben werden kann.
Über seine Krankheitsgeschichte sagt er: „Bei mir wurde ein kleines Wunder vollbracht.“
„Für unser Team ist Julian M. ein sehr ermutigendes Beispiel dafür, wieviel eine Anpassung des Lebensstils mit Bewegung und gesunder Ernährung in Kombination mit der Therapie bewirken kann“, sagt Dr. med. Luise Röhrich, die in der Herzchirurgie des DHZC arbeitet. „Es steht für uns immer im Mittelpunkt, dass es dem Patienten oder der Patientin gut geht – deswegen freut uns diese positive Entwicklung ganz besonders.“
In den Jahren seiner Krankheit hat Julian M. ein persönliches Motto entwickelt, von dem er hofft, dass es auch andere motiviert: „Am besten langsam anfangen und kontinuierlich weitermachen. Aber Hauptsache anfangen!“
Wir wünschen Julian M. weiterhin alles Gute!