Gleiche Dosis – andere Wirkung
Viele Medikamente, die wir heute einsetzen, wurden ursprünglich vor allem an Männern untersucht.
Deshalb gelten die Standarddosierungen oft für alle – obwohl sich Frauen und Männer biologisch unterscheiden.
Und das kann dazu führen, dass Frauen auf die gleiche Dosis anders reagieren.

Dosierung verstehen
Herzmedikamente gehören zu den wichtigsten Therapien in der Kardiologie. Sie stabilisieren den Kreislauf, entlasten das Herz und können Leben verlängern. Für viele dieser Medikamente gibt es klar definierte Zieldosen, an denen sich die Behandlung orientiert – in der Regel unabhängig vom Geschlecht.
Doch genau hier zeigt sich zunehmend: Diese Standardisierung hat Grenzen.
„Viele Medikamente sind lange vor allem an Männern untersucht worden. Deshalb gelten Standarddosierungen oft für alle – obwohl es Unterschiede gibt.“
Dr. Julia Lueg, Kardiologin am DHZC

Biologie zählt
Frauen und Männer unterscheiden sich in mehreren Faktoren, die für die Wirkung von Medikamenten entscheidend sind. Dazu gehören unter anderem die Körperzusammensetzung, hormonelle Einflüsse und die Aktivität von Enzymen, die Wirkstoffe abbauen.
Diese Unterschiede können dazu führen, dass bei gleicher Dosis höhere Wirkstoffspiegel im Blut erreicht werden. Die Folge: Die Wirkung kann stärker sein – gleichzeitig steigt aber auch das Risiko für Nebenwirkungen.
Ein aktueller Review im European Heart Journal – Cardiovascular Pharmacotherapy (2024) fasst diese Zusammenhänge zusammen. Die Autorinnen und Autoren zeigen, dass Frauen bei verschiedenen Herzmedikamenten häufiger Nebenwirkungen berichten und für einzelne Wirkstoffe möglicherweise niedrigere Dosen ausreichend sind. Gleichzeitig betont der Review, dass die Datenlage noch unvollständig ist, weil viele Studien nicht gezielt auf geschlechtsspezifische Unterschiede ausgelegt waren.
Ergänzend zeigen aktuelle Übersichtsarbeiten, etwa in JAMA Network Open (2023), dass Frauen in kardiovaskulären Studien weiterhin unterrepräsentiert sind – ein zentraler Grund dafür, dass Dosierungsfragen oft nicht ausreichend differenziert beantwortet werden können.
Studienlage wächst
Am deutlichsten ist die Evidenz derzeit in der Behandlung der Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion.
Analysen großer Patientenkohorten, unter anderem aus dem BIOSTAT-CHF-Register (veröffentlicht in The Lancet), zeigen einen klaren Unterschied: Frauen erreichten das niedrigste Risiko für Tod oder Krankenhausaufnahmen bereits bei etwa der Hälfte der leitlinienempfohlenen Dosis von ACE-Hemmern, Angiotensin-Rezeptorblockern und Betablockern. Höhere Dosen führten bei ihnen zu keinem zusätzlichen Nutzen. Bei Männern lag das optimale Dosierungsniveau dagegen deutlich näher an der vollen Zieldosis.
Neuere Auswertungen und Reviews bestätigen diese Beobachtung und ordnen sie in den Kontext geschlechtsspezifischer Pharmakologie ein, ohne dass daraus bislang konkrete geschlechtsspezifische Leitlinienempfehlungen abgeleitet wurden.
Pharmakologie verstehen
Die klinischen Beobachtungen passen zu pharmakologischen Daten. Studien zeigen, dass bei gleicher Dosis die maximalen Wirkstoffspiegel von ACE-Hemmern, ARBs und Betablockern bei Frauen teilweise höher ausfallen können als bei Männern.
Für einzelne Wirkstoffe gibt es dazu noch detailliertere Untersuchungen. Für den Betablocker Metoprolol zeigen neuere pharmakokinetische Analysen und Modellierungen, dass Frauen bereits mit niedrigeren Dosen eine vergleichbare Wirkstoffexposition erreichen können wie Männer. Der aktuelle Review im European Heart Journal – Cardiovascular Pharmacotherapy(2024) beschreibt in diesem Zusammenhang, dass für einige Substanzen eine Dosisanpassung sinnvoll sein kann, um vergleichbare Effekte zu erzielen.
Nebenwirkungen beachten
Auch im klinischen Alltag zeigen sich diese Unterschiede. Frauen berichten in Studien häufiger über Nebenwirkungen kardiovaskulärer Medikamente, etwa über Schwindel, Blutdruckabfälle oder Veränderungen im Elektrolythaushalt.
Aktuelle Analysen weisen zudem darauf hin, dass Nebenwirkungen weiterhin zu selten systematisch nach Geschlecht ausgewertet werden. Wo entsprechende Daten vorliegen, zeigen sich jedoch konsistent Unterschiede – ein Hinweis darauf, dass die individuelle Dosisanpassung eine größere Rolle spielen sollte.
Individuell behandeln
Trotz dieser Erkenntnisse gilt: Es gibt keine pauschale „Frauen-Dosis“. Die optimale Therapie hängt immer von der individuellen Situation ab – von der Erkrankung, Begleiterkrankungen, dem Alter und der Verträglichkeit.

„Das bedeutet nicht, dass Frauen automatisch zu viel bekommen – aber dass wir genauer hinschauen müssen“, sagt Julia Lueg. „Entscheidend ist, die Therapie so anzupassen, dass sie für die einzelne Patientin optimal wirkt.“
Klartext
Für Patientinnen ist vor allem eines wichtig: Veränderungen und Nebenwirkungen sollten ernst genommen und offen angesprochen werden. In vielen Fällen lässt sich die Therapie anpassen – sei es durch eine andere Dosis oder ein anderes Medikament.
Die Herzmedizin entwickelt sich zunehmend in Richtung einer personalisierten Behandlung. Dazu gehört auch, geschlechtsspezifische Unterschiede besser zu verstehen und konsequent in die Therapie einzubeziehen.