Nur 4 Nebenwirkungen belegt
Eine große Metaanalyse, publiziert in The Lancet, liefert jetzt einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag zur Verträglichkeit von Statinen.
Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten weltweit. Sie senken den LDL-Cholesterinspiegel und reduzieren nachweislich das Risiko für Herzinfarkt und andere kardiovaskuläre Ereignisse.
Dennoch brechen viele Patientinnen und Patienten die Therapie vorzeitig ab – häufig aus Sorge vor Nebenwirkungen.
Ein Blick in die Beipackzettel verstärkt diese Verunsicherung. Dort sind zahlreiche mögliche unerwünschte Wirkungen aufgeführt – von kognitiven Beeinträchtigungen über Schlafstörungen bis hin zu Depressionen oder peripherer Neuropathie.
Die Datengrundlage der neuen Analyse
Die neue Analyse wertete ausschließlich große, randomisierte, doppelblinde Studien mit mindestens 1.000 Teilnehmenden und mehrjähriger Laufzeit aus – insgesamt über 120.000 Patientinnen und Patienten.
Ergebnis: Vier Nebenwirkungen mit belegtem Zusammenhang
Von ursprünglich 66 gelisteten unerwünschten Arzneimittelwirkungen konnten lediglich vier eindeutig auf die Statintherapie zurückgeführt werden – erhöhte Leberenzymwerte, Veränderungen der Leberfunktion, Veränderungen der Urinzusammensetzung sowie Ödeme – und das Risiko lag hierbei sehr niedrig. Für viele andere im Beipackzettel aufgeführte Nebenwirkungen fand sich kein belastbarer Kausalzusammenhang.
Muskelbeschwerden und Nocebo-Effekt
Diese Ergebnisse reihen sich in frühere Arbeiten zu Muskelbeschwerden ein, die häufig als Hauptgrund für Therapieabbrüche genannt werden: Ein erheblicher Teil tritt ebenso unter Placebo auf. Fachleute sprechen hier vom sogenannten Nocebo-Effekt – also Beschwerden, die durch negative Erwartungshaltungen verstärkt wahrgenommen oder dem Medikament zugeschrieben werden. Weniger als 10% der Muskelbeschwerden unter Statintherapie sind aber tatsächlich auf das Medikament zurückzuführen. Schwere Muskelschäden bleiben eine extreme Seltenheit.
Einordnung durch Prof. Ingo Hilgendorf
„Die neue Lancet-Studie zeigt, dass für viele der befürchteten Nebenwirkungen von Statinen doch kein belastbarer Kausalzusammenhang nachweisbar ist. Das hilft, Unsicherheiten einzuordnen und die Diskussion auf eine solide Datenbasis zu stellen“, sagt Prof. Ingo Hilgendorf, Direktor der DHZC-Kardiologie am Campus Virchow-Klinikum.
Statine sollten nicht eigenständig abgesetzt werden, so Hilgendorf: Wer Beschwerden verspüre oder unsicher sei, solle das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt suchen.
Wichtig sei dabei, die Beschwerden nicht als eingebildet abzutun, so Hilgendorf: „Die Beschwerden sind real, nur ist die Interpretation als Nebenwirkung des Medikaments in den allermeisten Fällen nicht zutreffend.
Der präventive Nutzen der Therapie überwiegt klar das Risiko möglicher Nebenwirkungen und wir haben heute zahlreiche alternative Möglichkeiten zur robusten Lipidsenkung.“
Die „Nicht-Therapie“, so Hilgendorf, solle daher nicht die bevorzugte Alternative sein.
