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Bereitschaft

Innerhalb von 24 Stunden transplantiert Herzchirurgin Mi-Young Cho zwei Kindern ein neues Herz.

Ein Wochentag Mitte Oktober, gegen Mittag. Mi-Young Cho, Leitende Oberärztin an der Klinik für Kinderherzchirurgie am Deutschen Herzzentrum der Charité, ooperiert seit etwa vier Stunden. Eine Rekonstruktion der Aortenwurzel, kompliziert; die Chirurgin schätzt: nochmal vier weitere Stunden dürfte es dauern.

Kurze Zeit später erfährt Mi-Young Cho, dass ihr Arbeitstag noch wesentlich länger dauern wird. Für den 13-jährigen Patienten Zakhar O. gibt es ein Organangebot. Und Mi-Young Cho hat Transplantationsbereitschaft.

Zakhar kommt aus Zypern. Kurz nach seinem Geburtstag Ende Mai wird bei ihm völlig überraschend eine lebensbedrohliche Herzmuskelschwäche diagnostiziert. Weil es vor Ort keine Behandlungsmöglichkeit gibt, suchen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte in Zypern europaweit nach Hilfe. Schließlich erklärt sich das DHZC bereit, Zakhar aufzunehmen, und Zypern überweist ihn zur weiteren Behandlung nach Deutschland.

Bald zeigt sich jedoch, dass Zakhars Herz auch in Berlin nicht mehr gerettet werden kann. Zakhar wird auf die Warteliste für eine Herztransplantation gesetzt. Die Chirurgen müssen ihm schließlich ein LVAD implantieren – eine mechanische Kreislaufpumpe, die direkt an sein Herz angeschlossen wird. Niemand kann damit rechnen, dass nur zwei Tage später ein passendes Spenderorgan verfügbar sein wird.

Gegen 16 Uhr beendet Mi-Young Cho an jenem Tag ihre OP, begleitet ihren jungen Patienten auf die Intensivstation und wartet einige Zeit ab, ob sein Zustand stabil bleibt. Danach setzt sie sich an den Computer. Sie schaut sich Zakhars CT- und Ultraschallaufnahmen an, prüft die Daten zum Spenderherz. Das Entnahmeteam ist bereits auf dem Weg.

Dann fährt Mi-Young Cho zu ihrer Mutter. Die hat sie an diesem Tag zum Abendessen eingeladen. Und die Chirurgin hat Hunger.

Währenddessen wird Zakhar für die OP vorbereitet. So schnell ein Spenderherz: Seine Mutter schwankt zwischen Freude und Angst, als sie sich unter Tränen an der OP-Schleuse von ihm verabschiedet.

Irgendwo in Europa ist ein Kind gestorben. Die Eltern haben sein Herz freigegeben. Das DHZC-Entnahmeteam hat es nun entnommen und gibt grünes Licht: Das Organ ist einwandfrei.

In OP 5 setzt Mi-Young Cho den ersten Schnitt in Zakhars Brust. Es ist 21:55 Uhr.

Spät in der Nacht durchzuckt Blaulicht die Dunkelheit auf dem Campus. Ein Rettungswagen hält vor dem DHZC. Zwei Männer steigen aus, entladen eine Kühlbox.

Sechs Stunden später schlägt in Zakhars Brust ein gesundes Herz. Kardioanästhesistin Franziska Schabinski kann ihren Patienten noch im OP extubieren. Und bereits im Fahrstuhl hinauf zur Intensivstation spricht Zakhar schon wieder.

Mi-Young Cho weiß jetzt bereits, dass es für ein weiteres Kind am DHZC ein Spenderherz gibt. Und dass sie wohl auch diese OP durchführen wird.

Das DHZC ist eines von bundesweit nur wenigen Zentren, an denen auch sehr komplexe Herzfehler operiert werden können. Das hochspezialisierte Chirurg:innenteam ist klein, die Wartelisten sind lang, viele Eingriffe lassen keinen Aufschub zu. Transplantationen und Notfälle sind nicht planbar – und müssen “on top” gemacht werden.

Doch wieder bleibt Mi-Young Cho zunächst bei ihrem letzten Patienten, Zakhar, auf der Intensivstation, wartet in Ruhe ab. Wieder setzt sie sich dann erst an den Computer, macht sich mit der nächsten OP vertraut. Dann fährt Mi-Young Cho nach Hause und schläft. Die Vorbereitungen für die nächste Operation laufen auch ohne sie.

„Wie hältst du das durch?“ „Wann isst du eigentlich mal was?“ Solche Fragen hören Herzchirurg:innen wie Mi-Young Cho immer wieder. Ihre Antwort lässt sich eigentlich auf ein Wort reduzieren:

Training.

Der Weg zum Facharzttitel ist lang. Bis Herzchirurg:innen verantwortlich am Tisch stehen, vergehen mindestens sechs Jahre intensiver Ausbildung. In der hochkomplexen Kinderherzchirurgie kommen noch einige Jahre hinzu.

Mit wachsendem Wissen und technischem Geschick entwickeln sich aber auch mentale Fähigkeiten. Mi-Young Cho ist seit 20 Jahren Fachärztin, 13 davon als leitende Oberärztin. Während ihrer Operationen – manche dauern weit mehr als zehn Stunden – taucht Mi-Young Cho ein in einen tiefen “Flow”, einen Zustand konstanter Konzentration.

Herzchirurgin Mi-Young Cho mit unseren Patienten, dem siebenjährigen Yousif (links) und dem 13-jährigen Zakhar (rechts), bei ihrem Kontrolltermin in der kinderkardiologischen Ambulanz des DHZC.

Ein Erwachsener steht in einem Krankenhausflur zwischen zwei Kindern. Alle drei tragen Mund-Nasen-Schutzmasken. Der Erwachsene trägt eine grüne Jacke, während die Kinder Sweatshirts mit unterschiedlichen Aufdrucken tragen. Der Flur wirkt hell und freundlich, mit medizinischen Ausstattungen im Hintergrund.
Ein Erwachsener steht in einem Krankenhausflur zwischen zwei Kindern. Alle drei tragen Mund-Nasen-Schutzmasken. Der Erwachsene trägt eine grüne Jacke, während die Kinder Sweatshirts mit unterschiedlichen Aufdrucken tragen. Der Flur wirkt hell und freundlich, mit medizinischen Ausstattungen im Hintergrund.

Herzchirurgin Mi-Young Cho mit unseren Patienten, dem siebenjährigen Yousif (links) und dem 13-jährigen Zakhar (rechts), bei ihrem Kontrolltermin in der kinderkardiologischen Ambulanz des DHZC.

Sie verspürt dann kaum Hunger oder Durst. Und die Müdigkeit kommt erst später, mit der Entspannung. Und ja, sie komme generell mit wenig Schlaf aus, sagt sie.

Klinikdirektor Prof. Joachim Photiadis weiß, was er an seiner langjährigen Weggefährtin hat, die „ganz wesentlich zu den exzellenten Ergebnissen gerade bei hochkomplexen Operationen“ beitrage: „Mi-Young Cho ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmekinderherzchirurgin“, so Photiadis.

Um genau 16:15 Uhr greift Mi-Young Cho wieder zum Skalpell. Yousif, sieben Jahre alt, soll ein neues Herz bekommen.

Die Chirurgin weiß, dass diese Operation noch länger dauern wird als die Transplantation in der Nacht zuvor. Denn Yousif konnte nur dank eines „Berlin Heart“ überleben – einer Herzpumpe außerhalb seines Körpers, mit seinen Herzkammern verbunden über vier Schläuche, die während der dreimonatigen Wartezeit längst eingewachsen sind.

Das Team muss das Gewebe äußerst behutsam, Stück für Stück, durchtrennen und dabei immer wieder Blutstillungen durchführen. Zeitaufwändige Detailarbeit – aber so sehr Routine, dass sie für Mi-Young Cho „fast schon Erholung“ bedeute, wie sie sagt: „Auch wenn sich das sicher seltsam anhört.“

Nach etwas mehr als neun Stunden setzen die Chirurg:innen die letzte Hautnaht. Yousif ist herztransplantiert. Postoperative Komplikationen: keine. Irgendwann am frühen Morgen geht Mi-Young Cho nach Hause.

Herztransplantationen bei Kindern sind auch am DHZC seltene Eingriffe: Im vergangenen Jahr waren es sieben. Zwei davon innerhalb von 24 Stunden – ein großer Zufall. Die nächsten Tage und Wochen verlaufen für Mi-Young Cho dann wieder nach Plan – und mit entsprechend längeren Pausen. 

Zwei Monate später, 8 Uhr morgens, in der kinderkardiologischen Ambulanz. Yousif und Zakhar sind zur Nachuntersuchung gekommen; beide erholen sich sehr gut. Es soll ein gemeinsames Foto geben.

Mi-Young Cho legt mit einem stillen Lächeln den Arm um die beiden Kinder, posiert geduldig. Dann muss sie weiter. Der OP hat angerufen: Man wartet auf sie.